Deutschland will Leitmarkt für autonomes Fahren werden – so steht es im Koalitionsvertrag der Bundesregierung. Doch der große Durchbruch lässt weiter auf sich warten. Hohe Zulassungskosten, komplexe Genehmigungsverfahren und uneinheitliche Regularien bremsen den Fortschritt. Währenddessen entstehen andernorts längst marktreife Lösungen.
Ob autonome Shuttles im Flughafeneinsatz oder fernsteuerbares Carsharing – der internationale Vergleich zeigt, dass die Technologie einsatzbereit ist.
Estland zählt zu den Hotspots für innovative Mobilitätskonzepte in Europa. Das Land nutzt gezielt seine digitalen Strukturen und innovationsfreundlichen Rahmenbedingungen, um neue Verkehrslösungen schrittweise in die Praxis zu bringen.
„Wir arbeiten derzeit an einem Testprojekt am Flughafen Tallinn, bei dem unsere Shuttles ab Ende 2025 erstmals ohne Sicherheitsfahrer unterwegs sein sollen.“
Johannes Mossov, Vorstandsmitglied von Auve Tech
Autonome Shuttles für nachhaltige Mobilität
Das estnische Unternehmen Auve Tech entwickelt autonome, elektrische Kleinbusse für die erste und letzte Meile für den öffentlichen Transport auch auch auf Flughäfen, in Industrieparks, auf Werksgeländen oder in anderen kontrollierten Bereichen. Die acht Sitzplätze umfassenden Fahrzeuge fahren emissionsfrei, leise und autonom mit bis zu 20 km/h – ideal für Areale, in denen herkömmlicher ÖPNV an seine Grenzen stößt.
„Wir arbeiten derzeit an einem Testprojekt am Flughafen Tallinn, bei dem unsere Shuttles ab Ende 2025 erstmals ohne Sicherheitsfahrer unterwegs sein sollen“, sagt Johannes Mossov, Vorstandsmitglied von Auve Tech. „In Deutschland können unsere Fahrzeuge bereits auf privatem Gelände wie Flughäfen oder Industriearealen eingesetzt werden. Die Hürden für den Einsatz auf öffentlichen Straßen sind jedoch weiterhin hoch – insbesondere für kleinere, innovative Unternehmen wie uns. Dabei ist die Technologie einsatzbereit: In Japan haben unsere Shuttles bereits die Zulassung für autonomes Fahren der Stufe 4 erhalten.“
Mit der neuesten Fahrzeuggeneration MiCa 2.0 bringt Auve Tech außerdem technologische Neuerungen auf den Markt, die auch für Deutschland relevant sind. Die Software „Auve Stack 2.0“ ermöglicht eine verbesserte Objekterkennung, vorausschauende Navigation und situationsgerechte Reaktionen – etwa wenn ein Passant die Straße überqueren möchte. Zudem unterstützt das System deutschsprachige Fahrgastinformationen.
Auch andere Anbieter wie das estnische Start-up MindChip, das KI-gestützte Sensorlösungen für autonome Fahrzeuge entwickelt, sehen großes Potenzial im deutschen Markt – stoßen bislang jedoch auf langwierige Zulassungsprozesse.
Fernsteuerbares Carsharing senkt innerstädtischen Verkehr
Das Unternehmen Starship Technologies, gegründet von den Machern von Skype, zählt weltweit zu den Pionieren der autonomen Zustellung. Die kompakten Lieferroboter haben mittlerweile über neun Millionen Lieferfahrten in den USA und Europa absolviert. Auch in deutschen Städten könnten sie helfen, den Lieferverkehr effizienter und klimafreundlicher zu gestalten.
GUT ZU WISSEN
Das estnische Unternehmen Bolt wird mit dem chinesischen Unternehmen Pony.ai, einem weltweit führenden Anbieter im Bereich des autonomen Fahrens, zusammenarbeiten, um die Technologie des selbstfahrenden Fahrens nach Europa zu bringen.
Das Unternehmen Elmo ermöglicht es, Carsharing-Fahrzeuge per Teledriving ferngesteuert zum Kunden zu bringen. So lassen sich Leerfahrten vermeiden und die Logistik von Sharing-Flotten optimieren – ein Ansatz, der auch für deutsche Städte interessant sein könnte, um den Verkehr zu reduzieren.
Mit vernetzten Fahrradpark- und Ladesystemen will Bikeep den Radverkehr sicherer und attraktiver machen. Die Systeme sind in über 30 Ländern im Einsatz und könnten auch deutschen Kommunen helfen, die Infrastruktur für nachhaltige Mobilität auszubauen.
Estland als Testlabor für autonome Mobilität
Dass autonome Fahrzeuge in Estland längst auf öffentlichen Straßen unterwegs sind, ist kein Zufall. Unternehmen wie Starship haben ihre Technologien über Jahre hinweg in geschlossenen Bereichen, auf Universitätsgeländen oder in überschaubaren Quartieren erprobt, bevor sie in den Regelbetrieb überführt wurden.
Die digitale Verwaltung, kurze Entscheidungswege und eine innovationsfreundliche Gesetzgebung sorgen dafür, dass solche Entwicklungen nicht im Pilotstatus stecken bleiben, sondern schrittweise in den Alltag integriert werden. Über die vergangenen fünf bis zehn Jahre hat sich Estland so gezielt als Testfeld für automatisierte Mobilität etabliert.
Mit dem Gesetz zum autonomen Fahren hat Deutschland zwar einen wichtigen Schritt gemacht. Doch die geltenden Vorgaben – von hohen Typgenehmigungsgebühren bis zu strengen Anforderungen an Remote-Betrieb und Datenhaltung – orientieren sich laut Auve Tech vor allem an Großserienherstellern. Start-ups und kleinere Anbieter, die häufig die eigentlichen Innovationstreiber sind, geraten dadurch ins Hintertreffen.
Das Unternehmen plädiert deshalb für abgestufte Zulassungsmodelle oder regulatorische Testumgebungen, die Sicherheit gewährleisten und zugleich den Markteinstieg innovativer Lösungen erleichtern
Gefördert durch die Europäische Union – NextGenerationEU.
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