„Deutschland will Leitmarkt für autonomes Fahren werden“ – so steht es im Koalitionsvertrag. Der politische Wille ist da, die Technologie ebenso. Doch in der Praxis scheitern viele Pilotprojekte nicht an mangelnder Innovation, sondern an überbordender Bürokratie, Zuständigkeitswirrwarr und realitätsfernen Anforderungen, schreibt Taavi Rõivas Chairman von Auve Tech und ehemaliger Premierminister Estlands.
Als Unternehmen, das autonome Shuttles in mehreren Ländern erfolgreich einsetzt, haben wir ein klares Bild davon, was funktioniert – und was nicht. Unsere Fahrzeuge sind bereit. Die Nachfrage ist da. In deutschen Städten stoßen wir auf großes Interesse. Doch während in Japan oder der Schweiz konkrete Projekte entstehen, verlaufen ähnliche Vorhaben in Deutschland oft im Sande.
„Viele Projekte scheitern nicht an fehlendem Willen, sondern an der Komplexität zwischen kommunaler, Landes- und Bundesebene.“
Taavi Rõivas Chairman von Auve Tech und ehemaliger Premierminister Estlands
Was viele nicht sehen: Es sind nicht technische Hürden, die autonome Mobilität bremsen – sondern strukturelle. In einem Bundesland erhalten wir Zustimmung, im nächsten wird das gleiche Projekt mit neuen Anforderungen konfrontiert. Wiederholte Risikoanalysen, neue Infrastrukturanforderungen, widersprüchliche Auslegungen – all das verzögert Genehmigungen um bis zu zwei Jahre.
Ein Problem der Struktur, nicht der Vision
Viele Projekte scheitern nicht an fehlendem Willen, sondern an der Komplexität zwischen kommunaler, Landes- und Bundesebene. Am Ende verlieren alle: Städte, Anbieter, Fahrgäste – und der Standort Deutschland.
„Autonomes Fahren ist kein Zukunftsthema – es ist Realität. Die Frage ist, wo diese Realität gestaltet wird.“
Taavi Rõivas Chairman von Auve Tech und ehemaliger Premierminister Estlands
In Estland haben wir ein einheitliches, transparentes Regelwerk. Nationale Behörden begleiten Innovation – sie blockieren sie nicht. Unser Projekt am Flughafen Tallinn, bei dem ab Ende 2025 ein Shuttle ohne Sicherheitsfahrer im Regelbetrieb fährt, wäre unter den aktuellen Bedingungen in Deutschland kaum denkbar. In Japan wurde unsere Technologie bereits für Level-4-Betrieb zugelassen. Die Schweiz arbeitet pragmatisch und zielorientiert mit Start-ups zusammen – und kommt so schneller zu Ergebnissen.
Was Deutschland jetzt braucht
Deutschland muss regulatorische Prozesse harmonisieren und verschlanken. Es braucht einen zentralen Ansprechpartner für autonome Mobilität, klare Richtlinien für den Betrieb ohne Sicherheitsfahrer und Anreize für Städte, Pilotprojekte umzusetzen. Insellösungen helfen nicht – ein durchgängiger Rechtsrahmen schon. Ohne solche Reformen besteht die Gefahr, dass Know-how und Investitionen abwandern.
Autonome Shuttles können langfristig bis zu 40 % Betriebskosten einsparen – besonders auf der ersten und letzten Meile. Sie entlasten den Verkehr, senken CO₂-Emissionen und helfen dort, wo Fahrermangel längst Alltag ist. In ländlichen Regionen können sie Mobilität sichern, wo klassische Angebote nicht mehr wirtschaftlich sind. Das Potenzial ist da – wir müssen es nur nutzen.
Zur Person:
Taavi Rõivas ist Chairman des estnischen Technologieunternehmens Auve Tech und war von 2014 bis 2016 Premierminister Estlands. Auve Tech entwickelt autonome, elektrische Shuttles für den Einsatz in Städten, auf Flughäfen, Industriearealen und im ländlichen Raum.
Wir führen derzeit Gespräche mit deutschen Städten und Verkehrsbetrieben. Fahrzeuge stehen bereit, Routen sind geplant. Was fehlt, ist das grüne Licht der Genehmigungsbehörden. Wenn es Deutschland gelingt, regulatorische Blockaden abzubauen, wird es von den weltweit führenden Lösungen profitieren. Wenn nicht, werden andere schneller sein.
Autonomes Fahren ist kein Zukunftsthema – es ist Realität. Die Frage ist, wo diese Realität gestaltet wird.
Gefördert durch die Europäische Union – NextGenerationEU.
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